AutorIn des Monats

Gyrðir Elíasson

Gyrðir Elíasson

„Heutzutage dürfen Autoren nicht ganz das ‘Innenleben' des Individuums vergessen, das immer noch von Bedeutung ist, auch wenn alles auf das Äußere reduziert wird. Das Innenleben darf nicht unterschätzt werden,“ sagt Gyrðir Elíasson, einer der angesehendsten Autoren Islands, im Gespräch mit Sagenhaftes Island.

Seine hochkonzentrierten Texte, die auf der Grenze zwischen dem Logischen und dem Fantastischen tanzen, verzaubern seit dem Erscheinen seines ersten Gedichtbands vor 28 Jahren gleichermaßen das Lesepublikum wie die Literaturkritik.

In Deutschland sind bisher ein Roman und zwei Kurzgeschichtenbände publiziert worden. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2011 werden drei weitere Bücher des Schriftstellers in deutscher Sprache erscheinen. Sein Debüt Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft wird im Februar beim Schweizer Verlag WALDE+GRAF herauskommen, der auch Sandárbókin (wörtlich: Das Sandflussbuch) publizieren wird. Zudem ist bei Kleinheinrich die Veröffentlichung des Gedichtbandes Nokkur almenn orð um kulnun sólar (Einige allgemeine Worte über die Erkaltung der Sonne) in Vorbereitung.

Ein Umweltfreund im doppelten Sinne

Sagenhaftes Island traf Gyrðir auf einen Kaffee in seinem Haus in der Reykjavíker Vorstadt Grafarvogur. Das Zusammenleben von Mensch und Natur war immer ein wichtiges Thema in Gyrðirs Werken, was zu der Frage führt: Wie arbeitet es sich in seiner neubezogenen Wohnung in der Stadt?

Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen. Ich bin außerhalb der Stadt aufgewachsen und hatte manchmal Schwierigkeiten, hier zu schreiben, aber so langsam scheint es zu funktionieren. Es ist eigentlich ganz ok. Irgendwie treffe ich oft Leute, die mich fragen, wie ich in dieser Vorstadt wohnen und schreiben kann. Es ist sicherlich kein sehr dichterischer Ort für diejenigen, die in wohlhabenden Gegenden wohnen. Aber es ist wirklich bemerkenswert, wie viele Autoren hier eigentlich wohnen. Als ich hierher zog, gründete sich eine Autorengruppe, die auf Dauer nicht gut zusammenpasste. Wie das bei Autoren halt so ist. Und vielleicht kann man über diese Gruppe genau das sagen, was Steinn Steinarr über Baudelaire gesagt hat: „Jetzt ist er glücklicherweise schon lange tot.“

Es herrscht eine große Einsamkeit und das Gefühl des Isoliert-Seins in Deinen Texten. Man möchte bezweifeln, dass es möglich ist, solche Bücher im Großstadtlärm zu schreiben. Spielt deine Umwelt beim Schreiben eine Rolle?

Eigentlich schon. Für gewöhnlich kommt der Auslöser oder die Ursprungsidee woanders her, meist von außerhalb der Stadtgrenzen. Die Grundidee einer Geschichte oder eines Gedichtes kann im Sommer auf dem Lande oder irgendwo sonst außerhalb der Stadt entstehen, aber erst zu Hause wird sie ausgearbeitet. Ich hole mir meistens direkten Einfluss außerhalb von dicht besiedelten Gebieten. Ich erinnere mich, dass ein Kritiker es so ausdrückte, dass ich von „meiner Umwelt sehr abhängig” sei. Womöglich hat er damit ins Schwarze getroffen. Vielleicht kann ich sagen, dass ich ein Umweltfreund im doppelten Sinne bin.

Deine Bücher haben für gewöhnlich eine dunkle Tonlage. Trotzdem hast Du 1998 den Bröste Optimistenpreis erhalten. Wie kommt das?
Ich selbst habe mich nie zu den Optimisten gezählt. Es lässt sich darüber streiten, was wahrer Optimismus ist. Er verbirgt sich jedenfalls nicht darin, den Kopf in den Sand zu stecken, wie es manchmal auch hier gewesen ist, und nicht zuletzt, als es der ‚gesunden' Gesellschaft besonders schlecht ging. Ansonsten kann man das Wort Optimismus kaum erwähnen ohne der Politik nahezukommen. Hans Christian Andersen sagte einmal, dass gerade Schriftsteller sich davon fernhalten sollten.

Aber natürlich gibt es einen besonderen Humor in deinen Werken.

Wie im wahren Leben vermischen sich selbstverständlich Humor und Ernst. Das kommt ganz von selbst. Mein Humor stellt den Ernst in meinen Werken nicht in Frage, sondern kann ihn sogar verstärken und mehr in den Mittelpunkt stellen. Wie der färöische Autor William Heinesen einmal sagte: „Jeder wahre Humor muss ein tragisches Senkblei haben.” Ich finde, es sollte in Texten nicht anders sein, die beiden Dinge gehören einfach zusammen. Viele der Autoren, die ich bewundere, unter anderem Knut Hamsun und Richard Brautigan, vermischen Humor und Ernst auf eine Weise, die mich anspricht. Anderseits ist Humor immer eine Definitionssache.

Kunst ist kein Sportwettkampf

Gangandi Íkorni (þýsk)Dein erster Roman Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft erscheint nun auf Deutsch bei WALDE+GRAF. Du bist selbst ein angesehener Übersetzer. Hat das Übersetzen Einfluss auf Dein eigenes Schreiben?

Ja, auf vielseitige Weise. Zunächst habe ich mir zum Übersetzen Autoren ausgewählt, die mir nahegehen und die mich beeinflusst haben. Ich habe keinen Zweifel daran, dass die intensive Beschäftigung mit den Werken anderer Autoren Einfluss auf die eigene schriftstellerische Tätigkeit hat. Indirekt hat es Auswirkungen auf den Stil, wie man mit fremden Sprachen und Ideen umgeht. Das ist ein sehr komplexer Einfluss. Es ist eine sehr gute Übung für Autoren und gar nicht so zeitaufwändig, wie viele denken. Es kann sehr erfrischend sein, mal nicht über sich selbst nachzudenken, und man lernt gleichzeitig etwas Wertvolles. Aber bezüglich der deutschen Ausgabe von Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft bin ich wirklich sehr glücklich, weil niemand zuvor im Ausland Interesse an diesem Büchlein gezeigt hat. WALDE+GRAF ist ein neuer, kleiner Verlag in der Schweiz. Einige finden an kleinen Verlagen nichts Besonderes, aber ich finde, sie sind überall wichtig, ob im In- oder Ausland. Sie geben andere Bücher als die großen Verlage heraus, denken weniger nicht vom Geschäftlichen her. Leisten sehr oft exzellente Arbeit, nicht zuletzt, was das Aussehen und die Beschaffenheit des Buches angeht. Die Beschaffenheit eines Buches ist etwas ganz Wichtiges. Diese Ausgabe vom Eichhörnchen auf Wanderschaft wird kunstvoll illustriert sein, was sehr gut passt, weil das Buch zum Teil von Kinderbüchern inspiriert ist, obwohl es nicht zu solchen gezählt werden kann.“

Er wird erzählt, dass Du zahlreiche Manuskripte in Vorbereitung hast. Wann wird das nächste Buch in Island erscheinen?

Ich kann Bücher nicht planen und benutzte immer Notizbücher. Manchmal vergehen Jahre bis ich etwas benutze, das mir irgendwann in den Schoß gefallen ist. Ich sehe lange Zeit nach dem Notieren plötzlich Verbindungen zwischen meinen Stichpunkten. Das Sandflussbuch ist ein Beispiel dafür. Es gibt viele hundert Seiten von losen Texten hinter der kurzen Erzählung des Sandflussbuches, die am Ende keine Rolle mehr gespielt haben. Ein oder zwei Kapitel sind weggefallen. „Ich bin sparsam in der Kunst“ wie es der Maler Gunnlaugur Scheving einmal ausdrückte. Ich arbeite zur Zeit an einem Manuskript von Kurzgeschichten, Gedichten und anderer Kurzprosa. Aber es steht noch in den Sternen, ob im Herbst ein neues Buch erscheinen in Island wird.

Du bist nicht dafür bekannt, dass Du dicke Wälzer schreibst.

Nein. Ich las vor kurzem meine Novelle Hótelsumar (wörtlich: Hotelsommer) für das Radio und fand, dass sie etwas länger hätte werden können. Irgendjemand bezeichnete mich als den Anorexie-Autoren Islands, was es ziemlich gut trifft. Ich bin von der Novellenform begeistert und finde oft, dass man Bücher kurz halten kann, was aber manchmal auch zu weit gehen kann. Sowohl bei mir als auch bei anderen. Ich kann mich einfach nicht als Romanautor bezeichnen, obwohl ich schon einige kurze Romane geschrieben habe. Ich habe weder Technik noch Ausdauer, um lange Romane zu schreiben, und überlasse das den Profis.

Sind Deine Romane also so etwas wie lange poetische Prosatexte? Eine besondere Form von Gedicht?

Ich sehe es auf diese Weise. Ich nehme es keinem übel, wenn jemand meine Bücher nicht als Romane sehen möchte, das ist ganz natürlich, weil sie nicht den Gesetzen von Romanen entsprechen. Sie fallen eher in die Kategorie der Novellen oder kurzen Geschichten, wie es Guðbergur Bergsson es sagt. Trotzdem denke ich, dass sie viele lyrische Eigenschaften haben.

Ich arbeite eher wie ein Dichter, weil ich einfach nicht anders kann und mich auch mehr in diesem und in angrenzenden Genres auskenne. Das Schreiben von Kurzgeschichten fällt ebenso in diese Kategorie. Vielleicht kann ich nicht einmal als Kurzgeschichtenautor bezeichnet werden. Ich selbst habe mich immer mehr zum englischen Genre der Sketches gerechnet, als zu den klassischen Kurzgeschichten. Ich habe sehr viel Respekt gegenüber Kurzgeschichtenautoren wie zum Beispiel Alice Munro, aber trotzdem verspüre ich keine Lust, sogenannte Konservenromane mit klar definiertem Thema und Handlung zu schreiben. Nicht, dass jemand mich falsch versteht: Ich vergleiche mich keinesfalls auf irgendeine Weise mit den berühmten Autoren in diesem Genre. Nicht zuletzt bin ich davon überzeugt, dass Autoren aus sich selbst heraus schreiben und sich nicht zu viel mit anderen vergleichen sollten. Der Wettbewerb liegt bei einem selbst, sodass man sich am besten selbst herausfordert. Kunst ist kein Sportwettkampf, und es ist sinnlos zu versuchen, andere unter den Tisch zu schreiben, sondern das genaue Gegenteil der Kunst, würde ich sagen.

Aber sicherlich leben wir isländischen Autoren in einer besonderen Situation, aufgrund der geringen Bevölkerungszahl, der Lage des Landes usw. Das macht es oft schwierig, uns im vernünftigen Rahmen mit anderen Autoren auf der Welt zu vergleichen. Oft vermute ich, dass wir die vermeintliche Randlage Islands übertreiben und wir uns nicht hinreichend über das Potential im Klaren sind, das daraus resultieren kann.
Der schon erwähnte faröische Autor William Heinesen bespielsweise macht sich keine Sorgen über eine literarische Isolation der Färörer-Inseln, sondern verweist darauf, dass man den Mittelpunkt der Welt selbst bestimmen könne. Ein anderer färörischer Autor, Tóroddur Poulsen, sagte einmal, dass er keine Lust hätte, auf Englisch oder all den anderen Sprachen zu schreiben, die andere Autoren benutzen, weil in ihnen der Elan fehlt. Das ist kein Chauvinismus, sondern eine besondere und heitere Sicht auf die Gültigkeit von Sprachen, unabhängig ihrer Verbreitung.

Was hat es mit deiner kurzen Erzählform auf sich, von der die Leser so begeistert sind?

Die Novelle ist anders als der Roman. Es ist nicht nur die Länge, sondern auch die Annäherung an das Thema. Die Novelle steht in gewisser Hinsicht der Lyrik viel näher. Diese kürzere Form, die manchmal Momentaufnahmen gleichkommt, die einem lange im Gedächtnis bleiben können, hat mich schon immer mehr angesprochen. Das kann daher kommen, dass ich mehr von der Kunst als von der Dichtung beeinflusst wurde. Ich bin mit Kunst aufgewachsen und wollte eigentlich Künstler werden, kam aber schon früh zu der Erkenntnis, dass mir das Talent dazu fehlt. Ich habe möglicherweise trotzdem etwas davon unbewusst in meine Dichtung mitgenommen, das sehe ich erst jetzt. Mein Großvater war gelernter Zimmermann und ich glaube, das hat mich beeinflusst, denn viele finden, dass ich an meinen Werken viel „herumschnitze”.

Die verschiedensten Dinge können Einfluss auf einen haben. Literatur ist nichts in sich Geschlossenes. Sie ist immer Teil der Umwelt, der sie entspringt. Auch wenn sie abgegrenzt und introvertiert wirkt, ist sie trotzdem aus etwas anderem entsprungen. Wenn man nicht über Politik oder Gesellschaftsbelange schreibt, kann man an sich trotzdem eine gesellschaftliche Meinung ausdrücken, obwohl dies wie ein Widerspruch wirkt. Heutzutage dürfen Autoren nicht ganz das „Innenleben” des Individuums vergessen, das immer noch von Bedeutung ist, auch wenn alles auf das Äußere reduziert wird. Das Innenleben darf nicht unterschätzt werden.