AutorIn des Monats

Vigdís Grímsdóttir

Vigdís Grímsdóttir„Wir leben in einer zwanghaften Tyrannei, die sich in der Welt immer weiter ausbreitet, auch wenn es uns vielleicht nicht unbedingt bewusst ist.“ sagt die Autorin Vigdís Grímsdóttir im Gespräch mit Sagenhaftes Island.

Der neueste Roman der Schriftstellerin trägt den Titel Trúir þú á töfra?, was man mit Glaubst du an Zauberei? übersetzen kann. Er spielt in nicht allzu ferner Zukunft in einem isländischen Dorf, das von Mauern umgeben ist und von einer Glaskuppel überdacht wird. Dieses von der Außenwelt völlig isolierte Dorf ist Schauplatz eines gesellschaftlichen Experimentes: Mithilfe einer totalitären Diktatur soll eine Vorbildgesellschaft geschaffen werden. Die Bewohner des Dorfes, die mit Gold und Reichtum gelockt oder gegen ihren Willen dorthin gebracht wurden, sollen ein Theaterstück inszenieren, in dem jeder eine bestimme Rolle spielen soll. Der Zweck des Stückes ist den Teilnehmern jedoch unbekannt. „Mit den Beschreibungen von Übermacht und Unterdrückung habe ich mich soweit vorgewagt, wie es mir die Perspektive der lyrischen und hoffnungsvollen Protagonistin erlaubt hat,“ erzählt Vigdís über das Mädchen, das den Leser durch die Welt unter der Glaskuppel führt. Das Mädchen trägt den Namen einer berühmten isländischen Lyrikerin, Nína Björk Árnadóttir, und verkörpert die Hoffnung des Dorfes auf Freiheit.

Die Leser mussten lange auf einen neuen Roman der Autorin warten und die Kritiken waren mehr als positiv, als das Buch im vergangenen Winter endlich auf den Markt kam. Kurze Zeit später wurde die Autorin für den Isländischen Literaturpreis nominiert und erhielt den renommierten DV Kulturpreis. In der Begründung der Jury heisst es: „Vigdís hat eine außergewöhnliche Art, Geschichten zu erzählen, die sich in unseren Herzen einnisten. Diese kristallklare Geschichte führt die Leser in eine vielschichtige Märchenwelt.“

Trúir þú á töfra?Mit poetischer Feder erzählt die Autorin die Geschichte einer erschreckenden Zukunftsvision, von einem Leben in stetiger Unterdrückung und schwelender Ungewissheit, von den Herrschenden mit Willkür gedemütigt. „Man kann ganz einfach sagen, dass die Geschichte von einer schlechten Welt handelt, deren Charakter an Übertreibung grenzt,“ sagt Vigdís. „Aber im großen realistischen Zusammenhang ist sie lediglich eine einfache Beschreibung von Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch der Autoritäten, die nicht zögern, Untreue hart zu bestrafen. Man muss garnicht weit reisen, um dieses Phänomen zu beobachten, und es ist gar keine Zukunftsvision, sondern heutzutage die Realität vieler Menschen. Ich sehe zahlreiche Gründe dafür, den Faschismus nicht nur heute, sondern auch in Zukunft zu fürchten.“

In den vergangenen Monaten disktutierte man auf Island die schlechten Lesefähigkeiten von Kindern. Man stellte die These auf, dass abnehmendes Lesevermögen zu weniger Diskussion und somit zu einer schwächeren Demokratie und folglich einer schlechteren Gesellschaft führe. Schließt du dich dieser Aussage an?

„Die Demokratie steht auf wackeligen Füßen. Der einfache Arbeiter, der von einem Tag auf den nächsten lebt, hat wesentlich weniger über sein Leben zu sagen, und selbst wenn er sich darüber äußert, hört man ihm nicht zu. Aber es liegt in seiner Natur zur rechten Zeit zu rebellieren und für seine Rechte zu kämpfen. Diese Rebellion wird von belesenen Menschen angeführt, auf der Sprache, die dann gesprochen wird. Ob das eine Sprache sein wird, die man Wort für Wort aus einem Buch oder aus anderen Medien lesen wird, kann ich nicht sagen. Aber bis dahin müssen wir die Alphabetisierung und Bildung fördern, denn am Ende wird die Dichtung in welcher Form auch immer von gutem Nutzen sein. Analphabetismus ist immer für die von Vorteil gewesen, die keine Änderungen wollten. Ich denke, dass nicht oft genug gesagt werden kann, dass in einem wohl belesenen Menschen ungeheure Stärke und große Kräfte der Veränderung ruhen. Wir sollten auf diese Kräfte aufmerksam machen, um die Menschen zu ermutigen, die keine Lust zum lesen haben.“

War es ein schwieriger Prozess, das Buch zu schreiben?

„Das Schreiben des Buches war im Grunde keine schwierige Angelegenheit, obwohl es ein langer Weg war. Ich habe viele Pausen eingelegt und Umwege eingeschlagen, hatte Schreibblockaden zu überwinden und alle erdenklichen Störungen zu überstehen, die man sich bei einer literarischen Schwangerschaft vorstellen kann. Es war ein Prozess von insgesamt zehn Jahren, erfüllt von Recherche, Irritation, Erregung und Störungen. Aber als schließlich die Gedichte von Nína Björk Árnadóttir publiziert wurden und somit ihren Weg in den Charakter der Hauptfigur fanden, kam alles plötzlich wie von selbst und der Schreibprozess war von Erleichterung und Freude geprägt - was vielleicht nichts anderes als Hoffnung war, wenn der Autor an nichts anderes als das Gedicht und die Fantasie glaubt.“

Wo Frieden herrscht

Vigdís Grímsdóttirs Buch über die Hellseherin Bíbí Ólafsdóttir erschien 2011 im Cargo Verlag in deutscher Übersetzung von Christina Böhner. Sie beschreibt ihre Zusammenarbeit mit dieser höchst interessanten Persönlichkeit folgendermaßen:

Die Geschichte der BIBI Olafsdottir„Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht mit der guten Bibi Ólafsdóttir zusammen zu arbeiten und ich bin überzeugt davon, dass dieses Buch auf jeder erdenklichen Sprache die Menschen berühren wird. Als wir zusammen arbeiteten, empfand ich das befreiende Gefühl, in keiner Rolle zu stecken. Wir waren und sind Schwestern und fanden den Weg Stück fur Stück gemeinsam.“

In dem Buch beschreibt Vigdís das Leben einer gewöhnlichen Isländerin, die 1952 in ärmlichen Verhältnissen geboren wurde. Die Biografie von Bibi Ólafsdóttir ist eine aufrichtige Erzählung aus den Armenvierteln von Reykjavík, die in der Zwischenkriegszeit entstanden waren. Sie erzählt das Schicksal einer Frau, die einen harten Lebenskampf führte und sich auch trotz zahlreicher Rückschläge nicht unterkriegen lassen wollte.

„Ich denke, das war eine einzigartige Erfahrung. Ein solches Glück passiert einem Menschen wie mir nur einmal im Leben. Bíbí wird immer eine Stimme bleiben, die in meiner Brust lebt. Es ist nämlich alles eine Frage der Kreativität und wie man den Weg vom Kopf in die Hand zurücklegt. Bibi und ich haben uns auf diesem Weg sehr wohl gefühlt.“

Vigdís verbrachte die vergangenen Monate auf dem Lande, wo sie unterrichtete und an ihrem neuesten Buch arbeitete. Seitdem ist sie von der Ruhe verzaubert, in der das Buch entstanden ist. „Ich kann am besten dort schreiben, wo Frieden herrscht,“ sagt Vigdís. „Wo man nur selten Gäste erwartet, wo ich nur wenigen Menschen gerecht werden muss, wo ich viel Zeit mit mir allein verbringen kann, ohne gestört, abgelenkt oder beschäftigt zu werden, und ich mich ganz und gar der Geschichte widmen kann; den Gesetzmäßigkeiten ergebe, die in ihr herrschen.“

Behalten alte Protagonisten einen Platz in deinem Leben, wenn die Geschichte vorbei ist?

„Ja, jede einzelne dieser Personen haben heute noch einen Platz in meinem Leben, sind auf vielfache Weise präsent und in immerwährender Bewegung. Natürlich sind es sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die jedoch miteinander gemeinsam haben, dass sie immer wieder in anderen Büchern auftauchen. Meine Personen sind eng miteinander verwandt, obwohl sie oft sehr unterschiedliche Charaktere haben. Am Ende stammen sie jedoch alle von derselben Mutter, von mir selbst, denn ich habe einfach nicht die Kraft dazu, meine inneren Charaktere zu verstecken. Vielleicht könnte man daher sagen, dass ich sie alle auf gleiche Weise liebe, dass das Fehlen einer Person die Kette zum reißen bringen würde, dass sie Stimmen meiner Seele sind, die in mir leise murmeln.“


Interview: Davíð K. Gestsson

Übersetzung: Björn Kozempel

Foto: Kristinn Ingvarsson