Þórarinn Eldjárn
Þórarinn Eldjárn hat bereits innerhalb vieler Literaturgattungen sein Können unter Beweis gestellt. Er schrieb Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Anekdoten, Aphorismen, Kinderbücher, Sachbücher, Theaterstücke und Musicals. Der Virtuose wurde 1949 geboren, studierte Isländisch, Literatur und Philosophie in Schweden und Island. Er arbeitet seit 1975 als Schriftsteller und Übersetzer.
In den siebziger Jahren machte Þórarinn Eldjárn zum ersten Mal als Dichter auf sich aufmerksam. Zusammen mit den heute berühmten Schriftstellern Steinunn Sigurðardóttir, Sigurður Pálsson und Pétur Gunnarsson bildete er den Kern der sogenannten Bösen Dichter, einer Vereinigung junger moderner Poeten. Diese radikale Gruppe von ungewöhnlichen Dichtern setzte sich dafür ein, die isländische Literatursprache zu erneuern, indem sie Alltagssprache und Slang in ihre Dichtung einfließen ließen und mit freizügiger Leichtfertigkeit aus dem isländischen Kulturerbe zitierten.
Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte der Autor im Jahr 1974 unter dem Titel Kvæði (Gedichte). Der Band erfreute sich so großer Beliebtheit, dass er schon nach kurzer Zeit ausverkauft war und seitdem bereits in seiner fünften Auflage erschienen ist. Er genoß einen besonderen Status, da er metrische Gedichte schuf, die alliteriert und gereimt waren, während die meisten anderen Poeten die traditionelle Form der Poesie verändern wollten und daher in freier Sprache komponierten. Dies galt als äußerst ungewöhnlich für einen jungen und ambitionierten Dichter.
Þórarinn entschied sich, Verse speziell für Kinder zu dichten, sodass seine Gedichte in zahlreichen isländischen Kinderbüchern abgedruckt wurden. Diese Kinderbücher waren auf Island außergewöhnlich populär, nicht zuletzt wegen der heiteren Illustrationen von Sigrún Eldjárn. Seine Gedichte haben sich gut bewährt, um die Sprachentwicklung von Kindern zu fördern, da die Sprache in Kinderbüchern oftmals zu schwierig ist. Þórarinn kommentierte dazu in einem Interview im Jahr 2000, dass er damit aufgewachsen sei, dass Sprache lustig und ihre Möglichkeiten vielseitig seien. In seinen Kindergedichten kann man sehen, wie er versucht, diese Denkweise auch der jüngsten Generation zu vermitteln.
Von Anfang an erregte Þórarins besonderer Sinn für Humor Aufsehen. In einem Interview zu Beginn der neunziger Jahre ließ er verlauten, dass er in erster Linie Komiker sei. In seinem Werk bedient er sich üppig in der isländischen Nationalkultur, sodass seine Dichtung oftmals als volkstümlich bezeichnet wird. Ohne Zweifel sind in seinem Werk volkstümliche Züge zu erkennen, jedoch sollte man beachten, dass seine Bücher nie von nationalromantischem Gedankengut beeinflußt waren, da er sich mit seinen Stereotypen und Klischees im Grunde über den ruhmreichen Heldenmut der Isländer lustig macht. Þórarins Ironie und der spezielle Witz lassen nationale Phänomene und die Helden aus den Isländersagas im neuen Licht erscheinen. In seiner Literatur wagt er häufig eine ungewöhnliche Betrachtungsweise von Geschichte und Kultur, sodass das Alte und Ehrwürdige mit der modernen Popkultur konfrontiert wird. In dieser Konfrontation, die sich zwischen Peripherie und Zentrum der Kulturgeschichte abspielt, entsteht eine interessante und belehrende Sichtweise auf die Vergangenheit und Gegenwart der Isländer, dessen Lektüre zusätzlich noch äußerst kurzweilig ist.
Der Schriftsteller begann seine Karriere mit Kurzgeschichten. Der erste Sammelband erschien 1981 und ihm folgten vier weitere. In seinen Kurzgeschichten kann man ohne Schwierigkeiten das Hauptmerkmal des Autors erkennen, da er isländische Geschichte und moderne Alltagskultur miteinander verflechtet und die kleinsten Details des täglichen Lebens durch seinen lustigen und manchmal sarkastischen Erzählstil aufspürt. Die Erzählungen sind kurz gehalten und zeigen deutlich seine hervorragende Erzähltechnik.
Drei seiner Romane sollen an dieser Stelle besondere Beachtung finden: Kyrr kjör (1983, Ruhige Verhältnisse), Brotahöfuð (1991, Der blaue Turm) und Baróninn (1996, Der Baron). An ihrem Beispiel wird deutlich, wie Þórarinn zentrale Figuren der isländischen Geschichte behandelt. Er nimmt exemplarisch berühmte Personen, die es wirklich gegeben hat, über die jedoch wenig oder fast nichts in einschlägigen Quellen zu finden ist. Þórarinn verwendet diese spärlichen Informationen und stopft die Lücken und Löcher derart, dass unterhaltsame und lustige Erzählungen mit liebenswerten und interessanten Charakteren entstehen.
Der blaue Turm
Der blaue Turm zum Beispiel handelt vom Gelehrten Guðmundur Andrésson, der im 17. Jahrhundert ein politischer Gefangener war, weil er sich gegen die strenge Moral des dänischen Reiches aufgelehnt hatte. Nachdem er erfahren hatte, wie Klassenunterschiede und Hochmut die Gesellschaft regieren, legte er sich mit den religiösen und weltlichen Machthabern auf Island an. Sein loses Mundwerk wirkte dabei wie Öl im Feuer. Deshalb wurde er hinter den massiven Wänden des sogenannten Blauen Turmes eingesperrt - dem damals größten Gefängnis des dänischen Königreiches. Das Buch ist jüngst in Dänemark erschienen und erhielt hervorragende Kritiken.
Der Kulturjournalist Søren Vinterberg schrieb, das Buch sei "ein stilsicherer historischer Roman über prahlende Dänen und nörgelnde Isländer, aufgeklärte Lebenslust und machtkranke Pessimisten ... Thorarinn Eldjárn schildert Guðmundur Andréssons Schicksal mit berechnender Verzögerung der Pointen und diskreter Stilsicherheit, was ihn als Meistererzähler enthüllt."
Sein Kollege Lars Bonnevie von der Weekendavisen zog am selben Strang: "In diesem Bekennerschreiben, welches der Roman vorgibt zu sein, wird man von einem vielseitigen Charakter verzaubert. Dies auch, aufgrund von Eldjárns herausragender stilistischer Begabung und seiner psychologisch überzeugenden Gestaltung des Protagonisten."
Im vergangenen Jahr wurde das Buch für einige berühmte Buchpreise nominiert. Es ist das einzige isländische Buch, welches jemals für den Europäischen Literaturpreis nominiert wurde. Zudem erhielt es Nominierungen für den Aristeion-Preis und den International IMPAC Dublin Literary Award. Das Buch ist bisher in Großbritannien, Finnland, Frankreich und Dänemark erschienen.
