Buch des Monats
Maximus Musikus
Mäuse gehören normalerweise nicht zu den Ehrengästen in isländischen Konzertsälen.Im vergangenen Mai besuchten 3000 Kinder und Eltern den Eldborg-Saal im gerade eröffneten Konzerthaus Harpa, um eine Maus und das Sinfonieorchester Islands zu sehen. Die besagte Maus heißt „Maximus Musikus“ und zählt neben dem Eichhörnchen auf Wanderschaft von Gyrðir Elíasson zu den beliebtesten Nagetieren der isländischen Literaturgeschichte.
Die bescheidene und zurückhaltende Maus, die sich am liebsten versteckt hält und nicht gern im Mittelpunkt steht, wäre über ihre eigene Beliebtheit überrascht. Die Bücher über Maximus Musikus sind Bestseller in Island, haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten und wurden ins Deutsche, Englische, Färöische und Koreanische übersetzt. Neben Auftritten mit dem Sinfonieorchester Islands ist die Maus auch schon mit anderen Orchestern auf der Bühne gewesen, darunter mit dem Melbourne Symphony Orchestra. Das Handyspiel mit Maximus Musikus wurde erst vor kurzem für die Nordic Game Awards nominiert.
Das Projekt um Maximus Musikus hatte von Anfang an das klare Ziel, Kindern klassische Musik nahezubringen. Alles begann mit dem Buch Maximus Musikus besucht das Orchester (auf Deutsch erschienen bei Schott Music 2010), in dem Maximus zufällig in eine Orchesterprobe hineinstolpert, dadurch alle Instrumente kennenlernt, die es in einem Orchester gibt, und zudem die Musik zu hören bekommt, welche die Instrumente gemeinsam spielen. In der Fortsetzung des Buches, die den Titel Maximus Musikus entdeckt die Musikschule (Schott Music 2011) trägt, erkundet Maximus Musikus eine Musikschule und findet heraus, dass auch Kinder Instrumente spielen können.
Die Texte und Zeichnungen in den Büchern zeigen den Leserinnen und Lesern zahlreiche unterhaltsame Details aus der Welt der Musik und geben Einblick in das, was hinter den Kulissen eines großen Orchesters geschieht. Hallfríður Ólafsdóttir, die die Texte für die Bücher verfasste, ist leitende Flötistin im Sinfonieorchester Islands. Þórarinn Már Baldursson, der im selben Orchester Bratsche spielt, ist für die Illustrationen verantwortlich. Sagenhaftes Islandsprach mit Hallfríður über Idee und Siegeszug der musikalischen Maus.
Mit den Augen der Kleinen
Der Grundgedanke einer kleinen Maus, die Musikliebhaberin ist, scheint bei Kindern sehr gut anzukommen. Woher kam die Idee zum ersten Buch?
Ich spielte bereits seit acht Jahren im Sinfonieorchester Islands, hatte selbst kleine Kinder und hatte schon oft darüber nachgedacht, wie man diese einzigartige Musik Kindern näherbringen könnte. Früher hörten alle dasselbe Radioprogramm und es wurden die unterschiedlichsten Musikstile gespielt. Heute hingegen gibt es eine Vielzahl von Medien und Kinder wachsen auf, ohne jemals etwas anderes als Popmusik zu hören.
Ich hatte mir oft vorgestellt, wie lustig es wäre, wenn alle auf der Bühne mitten im Orchester sitzen würden, weil es ein einzigartiges Gefühl ist. Und eines schönen Tages hatte ich einen Geistesblitz: Wäre es nicht interessant, das, was bei uns auf der Bühne passiert, mit den Augen der Kleinen zu beschreiben? Wie wäre es, wenn jemand klein genug wäre, zwischen uns im Orchester umherzuwandeln und die ungewöhnlichen Dinge zu hören und zu sehen, die vor dem Konzert geschehen? Und schließlich den prächtigen Ton zu hören, den ein ganzes Sinfonieorchester erzeugen kann? Und dafür kam nur ein einziges Tier in Frage... eine Maus ist klein genug, um herumzuschleichen und sich zu verstecken, aber nicht zu klein, um sich mit ihr identifizieren können.
Maximus war von Anfang an viel mehr als nur eine Figur in einem Buch, zum Beispiel gab es zum ersten Buch eine CD, die extra aus diesem Anlass vom Sinfonieorchester aufgenommen wurde.
Ich war von Anfang an dafür, dass es ein Buch mit Begleit-CD sein sollte. Es ist natürlich ein schwieriges Unterfangen ein ganzes Sinfonieorchester dazu zu bringen, eine CD aufzunehmen. Deshalb wandte ich mich an den damaligen Dirigenten, Rumon Gamba, und sowohl er, als auch der damalige Geschäftsführer, Þröstur Ólafsson, hielten dies für eine sehr gute Idee. So kam es, dass sich das Orchester einige Tage Zeit nahm, um die Musik aufzunehmen.
Viele unterstützten uns mit ihrer Hilfe. Der staatliche Rundfunk Islands, das Kulturministerium, die Isländische Musikervereinigung, die Mitarbeitervereinigung des Sinfonieorchesters u.v.m. Und Forlagið nahm sich der Augabe an, das Buch auf Island herauszubringen. Nicht zu vergessen, dass Wladimir Aschkenasi Schirmherr des Projektes wurde. Das war für uns wie eine Eintrittskarte für die Welt. Er ist einer der renommiertesten Pianisten und Dirigenten der Gegenwart und es ist uns eine große Ehre, ihn als Schirmherrn des Projektes gewonnen zu haben. Schließlich habe ich Þórarinn Már Baldursson dazu überredet, mit mir zusammen zu arbeiten. Mit seinen hervorragenden Bildern erweckte er die Maus zum Leben.
Das Buch enthält großartige Zeichnungen.
Es sind unglaubliche Zeichnungen! Als ich an den Texten und der Geschichte schrieb, bat ich manchmal Þórarinn um gewisse Dinge und beschrieb ihm grob, wie ich es haben wollte, und jedes Mal hatte er unglaublich lustige oder niedliche Ergänzungen. Der Humor in den Zeichnungen ist so warmherzig... nehmen Sie nur die Bilder mit dem offenen Schnürsenkel bei einem Sinfoniker oder dem vertrockneten Blatt bei einer Zimmerpflanze. Die Bilder sind sehr lebendig.
Die Konzerte mit Maximus Musikus und dem Sinfonieorchester erfreuen sich großer Beliebtheit
Ja, das Orchester forderte mich dazu auf, ein Konzertprogramm daraus zu machen, und es musste irgendwie zur Geschichte passen, die auf der Bühne stattfinden würde. Auf der CD und im Konzert ist es so, dass die Kinder zuerst die Geschichte hören, in die die Musik eingeflochten wird. Wenn die Geschichte vorbei ist, hören die Kinder dann die gesamte Komposition. Bei den Konzerten projizieren wir Bilder auf eine Leinwand, während die Geschichte erzählt wird, und manchmal alles zur selben Zeit: Bilder, Orchester und Erzähler.
Das ist erst der Anfang
Wie waren die Reaktionen auf die ersten Konzerte?
Bei den allerersten Konzerten waren, so weit ich weiß, ungefähr 600 Kinder zwischen 4-6 Jahren. Wir haben schon früher oft Kindergruppen auf unseren Konzerten gehabt, was oft zu Unruhe führte, was bei kleinen Kindern normal ist. Aber als das Konzert begann, herrschte unglaubliche Ruhe und Konzentration im Saal. Ich spürte plötzlich eine überwältigende Kraft von all diesen Kindern, die dort konzentriert saßen und das genossen, was sie sahen und hörten. Ich bekam eine Gänsehaut. Es war ein unvergesslicher Moment und ich dachte mir: Du lieber Himmel, wir sind mit diesem Projekt noch nicht am Ziel angekommen. Das ist erst der Anfang!
In letzter Zeit ist Maximus weit herumgereist und ist sogar bis Australien gekomnen..
Orchester auf der ganzen Welt suchen nach einem solchen Projekt – einem Konzertprogramm für Kinder. Nachdem ich die Reaktionen auf Island gesehen hatte, war ich der Meinung, dass ich das Projekt anderen Orchestern vorschlagen sollte. Ich ließNotenhefte mit Hinweisen und Texten erstellen und begann, das Projekt in anderen Ländern vorzustellen. Ich konnte meine Kollegin Margrét Sigurðardóttir dazu überreden, mir bei der Präsentation in anderen Ländern zu helfen. Außerdem bekamen wir viel Unterstützung von ÚTÓN, dem Exportbüro für isländische Musik. Wir haben alle möglichen Musikkontakte im Ausland dafür benutzt, zum Beispiel war es meine Kollegin und Freundin in Australien, die das Buch ihrem Orchester vorstellte. Dadurch wurde die Geschichte vom Melbourne Symphony Orchestra zwölf Mal aufgeführt und das Buch in Australien herausgegeben. Darüber hinaus wurde das Programm in den Niederlanden und auf den Färöer Inseln aufgeführt. Das Buch erschien in Australien, Süd-Korea, Deutschland und auf den Färöer Inseln. Zur Zeit werden Verträge für die Herausgabe in Großbritannien und den Vereinigten Staaten geschlossen.
Was können wir von Maximus in Zukunft erwarten?
Zusammen mit Þórarinn sitze ich gerade am dritten Buch, das wahrscheinlich Maximus Musikus rettet das Balett heißen wird. Es wird im kommenden Jahr auf Island erscheinen und von Tanz und Ballettmusik handeln. Es wird eine große Aufführung mit der Bühnentanzschule Islands und dem Sinfonieorchester Islands im neuen Konzerthaus Harpa im Mai 2012 geben. Lustig ist auch, dass der deutsche Verlag, der bisher die beiden ersten Bücher herausgegeben hat, das dritte Buch unbedingt in Deutschland veröffentlichen möchte, ohne die Geschichte gelesen zu haben. Es ist vielleicht das größte Lob, das dieses Projekt bekommen hat!

