Buch des Monats
Konur / Frauen
Schon vor dem Erscheinen des Romans Konur (eine wörtliche Übersetzung des Titels lautet Frauen) ging das Gerücht um, es handle sich bei diesem fünften Roman von Steinar Bragi um einen Meilenstein der isländischen Literaturgeschichte – ein Gerücht, das sich in dem einzigartigen Erfolg des Romans bestätigte.
Konur handelt von einer jungen Frau namens Eva Einarsdóttir, die nach einem Aufenthalt in New York nach Island zurückkehrt. Sie erhält das Angebot, mietfrei in einem exklusiven Hochhaus nahe des Zentrum von Reykjavik zu wohnen. Das Haus verfügt u. a. über die neusten Sicherheits- und Überwachungstechniken.
Zunächst hat Eva Schwierigkeiten, sich im „neuen Island“ zurechtzufinden. Fischer und Fischfang sind verschwunden, stattdessen sind Geschäftsleute und Aktionäre allgegenwärtig. Und wo einst kleinen Blechhäuser standen, ragen heute Glastürme in den Himmel. Es ist die Zeit kurz vor dem Crash, die Zeit, in der die Träume von Reykjavik als Profitcenter am Ende der Welt ins Verrückte umschlagen. So lässt sich Steinar Bragis Roman auch als Kritik am zügellosen Kapitalismus lesen, in dem die Profitgier keine Rücksicht mehr auf den Wert des menschlichen Lebens nimmt.
Dies wird an der Geschichte Evas dargestellt. Sie fühlt sich in dem Haus zunehmend bedroht (von Porno-Emails, die sie bekommt) und verfolgt (von einem seltsamen Mann).
Über ihrem Bett gibt eine Ausbuchtung in Form eines Gesichts.
Die Ankunft des Performance-Künstlers Joseph Novak in Island sorgt für großes Aufsehen. Novak vertritt politisch höchst verwerfliche Thesen, u.a. über die Minderwertigkeit von Frauen. Bald darauf findet sich Eva in ihrer Wohnung eingesperrt, kann sie nicht mehr verlassen. Der Roman schildert ihre Gefangenschaft, die psychische und körperliche Folter, der sie ausgeliefert ist. Zur Folter gehört, dass sie ihr Gesicht immer wieder in jenen seltsamen Gesichtsabdruck über ihrem Bett stecken muss. Jede Zuwiderhandlung gegen die ihr gegebenen Befehle wird grausam bestraft.
Schließlich liest Eva in der Zeitung, dass Novak grade eine Performance veranstaltet, die „Frauen“ heißt. Offensichtlich ist sie der Mittelpunkt der Performance.
„Für jede Frau die ins Parlament einzieht, einen Vorstandsposten übernimmt oder die Macht der Männer auf eine andere Weise ‚schändet’;;;;;;, werden tausende Pornofilme produziert in welchen Frauen wieder auf ‚ihren Platz’;;;; gestellt werden, ohne Macht, unterwürfig und gedemütigt,“ erläuterte Steinar Bragi in einem Gespräch den Hintergrund seines Romans, zu dessen Niederschrift er, wie er sagt, „in Verbindung mit seinem inneren Frauenhasser treten musste“.
Mit Konur knüpft Steinar Bragi an seine vorigen Romane an, in denen er die Atmosphäre der isländischen Hauptstadt als befremdlich, nahezu grauenhaft schildert. Eine Atmosphäre, ein Einfluss, der auch die Sprache verändert hat, soweit, dass sie ihm, so Steinar Bragi, „ekelhaft“ geworden ist. Ein Ekel, der jedoch auch ein wichtiger Inspirationsmoment für ihn ist und der in seinen Romanen spürbar wird. Es war dieser dem Buch zugrunde liegende starke Widerwillen gegen die Verhältnisse im Island des Wikinger-Kapitalismus, der dem Roman, neben seiner erzählerischen Brillanz und der verstörend-radikalen Handlung, zum Erfolg in Island verhalf – als überaus notwendige Gesellschafts- und Kulturkritik an den Verhältnissen bis zum Fall im Oktober 2008.
