LeserIn des Monats
Milan Kundera
Der Roman „Der Schwan“ von Guðbergur Bergsson erschien 1991 in Island und wurde im selben Jahr mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet. Fünf jahre später erschien der Roman in Frankreich und wurde u.a. von Milan Kundera rezensiert. Sein Artikel erschien in der Wochenzeitung Le Nouvel Observateur und in überarbeiteter Fassung in der Essaysammlung "Eine Begegnung" (Carl Hanser Verlag, 2010) in deutscher Übersetzung von Uli Aumüller.
Das Geheimnis der Lebensalter
(Guðbergur Bergsson: Der Schwan)
Ein kleines Mädchen stahl Sandwichs in einem Supermarkt in Reykjavik. Um sie zu bestrafen, schickten ihre Eltern sie für einige Monaten aufs Land zu einem Bauern, den sie nicht kannte. In den alten isländischen Sagas des 13. Jahrhunderts wurden Schwerverbrecher auf diese Weise ins Landesinnere geschickt, was damals der Todesstrafe gleichkam in Anbetracht der Weite dieses kalten, öden Landes. Island: dreihunderttausend Einwohner auf hunderttausend Quadratkilometern. Um die Einsamkeit auszuhalten (ich zitiere ein Bild aus dem Roman), lenken die Bauern ihre Stuten weit fort, um dort andere Bauern, ebenfalls mit ihren Stuten unterwegs, zu beobachten. Island: Einsamkeiten, die sich belauern.
Der Schwan, dieser Schelmenroman über die Kindheit, atmet in jeder Zeile die isländische Landschaft. Doch bitte, lesen Sie ihn nicht wie einen „isländischen Roman“, wie eine exotische Bizarrerie! Gudbergur Bergsson ist ein großer europäischer Romancier. Was seine Kunst in erster Linie inspiriert ist nicht soziologische oder historische, noch weniger geographische Neugier, sondern eine existentielle Suche, eine wahre existentielle Verbissenheit, die sein Buch mitten im Zentrum dessen ansiedelt, was man (nach meiner Ansicht) die Modernität des Romans nennen könnte.
Gegenstand dieser Suche ist die blutjunge Heldin („die Kleine“, wie der Autor sie nennt) oder genauer ihr Alter: neun Jahre. Immer häufiger denke ich (etwas so Offensichtliches, was uns dennoch entgeht), dass der Mensch nur in seinem konkreten Alter existiert, und dass sich mit dem Alter alles ändert. Den anderen verstehen bedeutet, das Alter verstehen, das er gerade durchlebt. Das Rätsel des Alters: eines jener Themen, die nur ein Roman erhellen kann. Neun Jahre: die Grenze zwischen Kindheit und Jugend. Diese Grenze habe ich nie so beleuchtet gesehen wie in diesem Roman.
Was bedeutet es, neun Jahre alt zu sein? Durch die Nebel der Träumereien laufen. Aber keine schwärmerischen Träumereien. Keinerlei Idealisierung der Kindheit in diesem Buch! Vor sich hin träumen, phantasieren, für „die Kleine“ ist das ihre Art, es mit der unbekannten und unerkennbaren Welt aufzunehmen, die kein bisschen freundlich ist. Am ersten Tag auf dem Bauernhof, angesichts einer fremden und offenbar feindseligen Welt, stellt sie sich, um sich zu wehren, vor, dass sie “aus ihrem Kopf ein unsichtbares Gift durch das ganze Haus verspritzt. Sie vergiftete die Zimmer, die Leute, die Tiere, die Pflanzen und die Luft …“
Die wirkliche Welt kann sie nur durch eine frei erfundene Interpretation erfassen. Da ist die Tochter des Bauern; hinter ihrem neurotischen Verhalten erahnen wir eine Liebesgeschichte; aber die Kleine, was kann sie erahnen? Ein bäuerliches Fest findet statt; die Paare verstreuen sich in der hügeligen Landschaft; die Kleine sieht Männer Frauen mit ihrem Körper bedecken; ganz bestimmt, denkt sie, wollen sie sie vor den Regenschauern schützen: der Himmel ist schwarz vor Wolken.
Die Erwachsenen sind von praktischen Sorgen in Anspruch genommen, die alle metaphysischen Fragen überschatten. Aber die Kleine ist von der praktischen Welt weit entfernt, so dass nichts zwischen ihr und den Fragen nach Leben und Tod steht. Sie befindet sich im metaphysischen Alter. Über einen Torfgraben gebeugt, beobachtet sie ihr Bild auf der blauen Wasserfläche. Sie stellt sich vor, wie „ihr Körper sich auflöst und in der Bläue verschwindet. Soll ich hineinspringen und sterben? fragt sie sich. Sie hebt den Fuß und sieht die Spiegelung der abgetretenen Sohle ihres Schuhs im Wasser.“ Der Tod macht sie neugierig. Ein Kalb soll geschlachtet werden. Alle Kinder ringsum wollen es sterben sehen. Wenige Minuten vor der Schlachtung flüstert die Kleine dem Kalb ins Ohr: „Weißt du, wie kurz du noch zu leben hast?“ Die anderen finden ihren Satz komisch und gehen nacheinander hin und flüstern ihn dem Kalb ins Ohr. Dann wird ihm die Kehle durchgeschnitten, und ein paar Stunden später werden alle zum Essen gerufen. Die Kinder genießen es, den Körper zu kauen, dessen Tötung sie beobachtet haben. Danach laufen sie zu der Kuh, der Mama des Kalbes. Die Kleine fragt sich: weiß sie, dass wir dabei sind, ihr Kind in unserem Bauch zu verdauen? Und sie haucht mit aufgesperrtem Mund in die Nüstern der Kuh.
Die Zwischenzeit zwischen Kindheit und Jugend: da sie nicht mehr ständig von den Eltern betreut werden muss, entdeckt die Kleine plötzlich ihre Unabhängigkeit; da sie aber immer noch von der praktischen Welt getrennt ist, empfindet sie gleichzeitig ihre eigene Nutzlosigkeit; sie spürt sie um so stärker, als sie unter Leuten, die nicht ihre Verwandten sind, einsam ist. Und dennoch, selbst nutzlos, gewinnt sie die anderen für sich. Dazu eine unvergessliche kleine Szene: in ihrem Liebeskummer geht die Tochter des Bauern in den Nächten (den hellen Nächten Islands) aus dem Haus und setzt sich an den Fluss. Die Kleine, die ihr nachspioniert, geht ebenfalls hinaus und setzt sich weit hinter ihr auf die Erde. Jede ist sich der Anwesenheit der anderen bewusst, aber sie sprechen nicht miteinander. Dann, irgendwann, hebt die Tochter des Bauern die Hand, um die Kleine stumm herbeizuwinken. Und jedes Mal weigert die Kleine sich, dem nachzukommen, und kehrt ins Haus zurück. Eine schlichte, aber magische Szene. Ich sehe immer noch diese erhobene Hand, das Zeichen, das aufgrund ihres Alters einander ferne, einander unbegreifliche Menschen sich geben, die sich nichts zu übermitteln haben, außer der Botschaft: ich bin weit weg von dir, ich habe dir nichts zu sagen, aber ich bin da; und ich weiß, dass du da bist. Diese erhobene Hand ist die Geste dieses Buches, das sich über ein weit zurückliegendes Alter beugt, das wir nicht noch einmal erleben, nicht wiederherstellen können und das für jeden von uns ein Geheimnis geworden ist, dem uns nur die Intuition des Romanciers und Poeten näher bringen kann.
Aus: Milan Kundera: Eine Begegnung. Deutsch von Uli Aumüller. Carl Hanser Verlag München 2010.
