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Wundergeschichte aus dem Alltag
„Das Buch ist dem Alltag entsprungen,“ sagt Ragna Sigurðardóttir über ihren neuesten Roman, der viel Beachtung erhielt, als er im vergangenen Dezember auf dem isländischen Markt erschien. Er trägt den isländischen Titel Bónusstelpan, was man mit Die Kassiererin übersetzen könnte, und handelt von Diljá, die an der Kunstakademie Islands studiert und sich als Abschlussarbeit gewählt hat, bei einer Discount-Kette hinter der Kasse zu sitzen. Schon nach kurzer Zeit entstehen die Gerüchte, dass die Kassiererin Wunder bewirken kann, und die Kunden pilgern zu Hunderten in den Supermarkt, in der Hoffnung, dass sich ihr Leben zum Guten wendet. Der Besuch im Supermarkt wird plötzlich alles andere als alltäglich und die Schlange an der Kasse immer länger, weil die Kunden einkaufen gehen, um Diljá zu begegnen. Die Kasse wird plötzlich zu einem heiligen Ort und Diljá leistet seelischen Beistand für ihre Kunden.
Ragna Sigurðardóttir meint, dass die simple Idee einer Kassiererin, die heilende Wirkung auf ihre Kunden hat, sich beim Schreiben des Buches verselbständigte. „Wenn man genauer hinsieht, ist das Alltägliche nie so einfach wie es scheint. Die Schlange an der Kasse ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft und alles andere als alltäglich, denn jeder von uns hat seine eigene Geschichte, die voller Dramatik ist.“
Ragna platziert den Glauben an Übernatürliches in einem ungewöhnlichen Kontext und betont die Bedeutung von Aberglauben im Alltag vieler Isländer. „Die Geschichte der Kassiererin thematisiert den Glauben der Isländer an Übernatürliches, der hierzulande eine sehr wichtige Rolle gespielt hat und heute immernoch spielt,“ sagt Ragna. „Spiritismus war Mitte des 20. Jahrhunderts auf Island sehr verbreitet. Hierzulande gab es keinen großen Konflikt zwischen Aberglauben und Christentum, die Kirchenväter waren zum Beispiel sehr aktiv in die Arbeit der Spiritisten am Anfang des 20. Jahrhunderts involviert und die Spritisten waren wiederum sehr christliche Menschen. Der Glaube an Elfen und Naturwesen hat neben dem christlichen Glauben immer existiert. Diese Freiheiten haben ohne Zweifel dazu beigetragen, dass der Spiritismus den selben Stellenwert wie das Christentum bekam.“
Welche Bedeutung haben Aberglaube, Elfenkult und Spiritismus für die Menschen von heute?
„Es liegt in der Natur des Menschen, alle Alternativen in Betracht zu ziehen, falls mal etwas schiefgeht. Die Menschen, die in der Schlange and der Kasse stehen, bilden da keine Ausnahme. In gewisser Hinsicht ist der Glauben an Übernatürliches eine Art Absicherung für die Menschen von heute und spielt eine ähnliche Rolle wie alte Traditionen. Aber in der Geschichte ist der Glaube nicht zuletzt ein Symbol für unseren Überlebensinstinkt, der zeigt, wie weit wir bereit sind zu gehen, um die Dinge am Laufen zu halten – jeden Tag – in der Schlange an der Kasse.“
